Es bahnt sich einen Weg

Es bahnt sich einen Weg

Nach meinem ersten Artikel zum sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche und der Täterschaft meines Onkels haben sich mehrere Betroffene – Opfer, Priester und Gemeindemitglieder – an mich gewandt. Meistens zunächst über die sozialen Medien, danach erfolgten mehrere, häufig sehr lange Telefonate. Auf dem Postweg erreichte mich ein anonymer Brief eines weiteren Opfers.

Diese Kontakte eröffnen einen vielfältig verwinkelten Themenraum der Auswirkungen seiner Taten. Es wäre vermessen zu meinen, dass ich diesen Raum in allen Dimensionen durchschritten und verstanden habe.

Mich erreichte die Nachdenklichkeit von Priestern, die sich fragen, ob sie sich selbst richtig verhalten haben, wenn sie Informationen über begangene Taten erhielten. Mich erreichte der Wunsch von Opfern, ihrem Übeltäter noch einmal ins Gesicht zu schauen. Die Wut von Opfern, dass ich ihrem Übeltäter für das, was er mir Gutes getan hat, weiterhin dankbar sein möchte. Der Zorn von Gemeindemitgliedern darüber, dass ein Täter noch in einem gut geführten Altersheim leben darf. Das Unverständnis von Opfern über das Agieren des zuständigen Bistums.

Und mich erreichte der Verdacht, dass ich mit meinen Zeilen von den Taten meines Onkels ablenken möchte.

Nichts, keine kirchliche Sexualmoral, kein gesellschaftlicher oder familiärer Hintergrund, kein anderer äußerer Einfluss darf von der persönlichen Verantwortung der Täter für ihre Taten ablenken. Kein sexueller Missbrauch in anderen gesellschaftlichen Kontexten darf das Phänomen des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche relativieren oder gar die einzelne Tat verharmlosen.

Durch kein noch so sorgfältiges Abwägen von Sätzen, Worten und Buchstaben kann ich bei diesem sensiblen Thema verhindern, dass ein nicht gewollter Eindruck entsteht. Wo es passiert, denke ich darüber nach und passe an, wo es mehr Klarheit verspricht. Heute morgen war es ein Buchstabe und ein Punkt, die dazu beitrugen.

Ich empfinde jedoch als Angehöriger eines Täters die Verantwortung, wenig oder – nach meinem Empfinden – gar nicht betrachtete Winkel des komplexen Themenraums sexualisierter Gewalt in der Kirche ans Licht und an die Luft zu bringen. Dabei freue ich mich über Hinweise, wo ich etwas übersehe oder nicht richtig verstanden habe. Und ich hoffe einen kleinen Beitrag zu leisten, einige Winkel zu erhellen und auszukehren.

Menschenwürde, Unschuldsvermutung und Anklage

Gewalttaten am Rande des Mensch-Seins scheinen – mindest gedanklich – zur Selbstjustiz und zur Aberkennung der Menschenwürde zu verführen. Auch das kann ich einigen Rückmeldungen entnehmen. Und so viel Respekt ich vor den auslösenden Gefühlen habe, vermag ich darin keine Richtigkeit zu erkennen.

Die Anklage mutmaßlicher Täter gehören vor staatlichen Gerichten vorgetragen – unter Wahrung der Opferinteressen. Hier wird über Schuld und Unschuld und über Bestrafung entschieden. Unser freiheitlicher Rechtsstaat bleibt unsere größte Errungenschaft und keine Straftat sollte Anlass sein, diese aufzugeben.

Die Vermutung der Unschuld gilt bis zur Verurteilung durch ein Gericht. Die Unschuldsvermutung über die in einem Rechtsstaat erfolgte Verurteilung hinaus, kann ich dabei nur als Verirrung eines alten Mannes verstehen.

Die fehlende Anzeigepflicht sexuellen Missbrauchs in Deutschland bleibt für mich ein kontroverses Thema. Wie können zukünftige Taten verhindert werden, wenn bekannte Taten nicht angezeigt werden? Sollen Menschen, denen sexueller Missbrauch widerfahren ist, zu einer Aussage vor Gericht gezwungen sein, um eine Verurteilung zu erreichen? Das bleiben das sehr schwierige Fragen, deren Beantwortung ich mir nicht zutraue.

Umgang mit Tätern – in allen Phasen

Ich finde bisher keine Diskussionen, Arbeitsgruppen oder gar Lösungen zum Umgang mit Tätern vor, während und nach ihrer Bestrafung. Ein Umgang, der noch schwieriger zu lösen ist, wenn eine Anklage aus gesetzlichen Gründen (Verjährung) gar nicht mehr erfolgt. Ich erlebe aber am Beispiel den hilf- und orientierungslosen Umgang des zuständigen Bistums mit dieser Frage.

Verantwortung für das Vergangene

Ich sehe keine wirkliche Übernahme von Verantwortung für die Vertuschung von sexuellem Missbrauch in den zurückliegenden Jahren. Statt dessen erlebe ich die Selbsterhöhung eines damals verantwortlichen Bischofs als Prediger von Transparenz und Aufklärung. Können die Schweigenden von damals die Aufklärer von heute sein? Reicht eine persönliche Entschuldigung auf der weihnachtlichen Kanzel, die zudem einen ordentlichen Impuls von außen erforderte?

Zukunft braucht Herkunft. Ich mag mir nicht vorstellen, dass die Handelnden von damals die Handelnden von morgen sind. Und es ist völlig ausgeschlossen, dass die Organisation der römisch-katholischen Kirche von heute von damals die Organisation der Kirche von morgen sein kann. Das System Kirche wird sich nicht ändern, wenn es sich nicht grundlegend in seinen inneren und äußeren Strukturen und Beziehungen ändert.

Die Bücher gehören geöffnet.

Es muss an die Luft

Es muss an die Luft

Ich bin Angehöriger eines katholischen Priesters, dem sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird. Als umfassend Vorsorgebevollmächtigter unterstütze ich meinen bald 86-jährigen Onkel seit seinem Einzug in ein Altersheim so gut ich kann. Im Dezember 2018 war ich gezwungen eine neue Sicht auf einen Menschen zu nehmen, den ich ehrte. Dem ich für vieles Gute dankbar bin und bleiben möchte. Das löste zunächst einen tiefen inneren Zwiespalt aus.

In einer weiteren Phase erfahre und erlebe ich nun den vergangenen und den gegenwärtigen Umgang der katholischen Kirche mit ihren Tätern am Beispiel meines Onkels.

Ich suche Kontakt zu Menschen, die als Gemeindemitglieder oder Angehörige in einer ähnlichen Situation des Zwiespalts sind oder waren und die eine grundlegende Erneuerung ihrer Kirche anstreben.

Was möchte ich erreichen?

Ich möchte in einer Welt leben …

… in der keine weltliche oder kirchliche Organisation ihren Mitgliedern eine rollenbezogene sexuelle Moral aufzwingt oder Sexualität jenseits von Natürlichkeit und Freiwilligkeit erfahren wird

.… die es Opfern von sexuellem Missbrauch erleichtert, das ihnen Widerfahrene zur Anklage zu bringen.

… die dem durch die Taten und lebenslange Last ausgelösten individuellen Hilfebedarf der Opfer von sexuellem Missbrauch gerecht wird

.… in der die Schuld des sexuellen Missbrauchs und die Schuld an der Verheimlichung von Informationen zu solchen Taten nicht verjährt

.… in der die Schuld des sexuellen Missbrauchs und die Schuld der Verheimlichung solcher Taten durch weltliche Gerichte und nicht durch Kirchen oder deren Beauftragte festgestellt wird

.… die angemessene Strafen und Sühneleistungen für das Vergehen an Kindern und das Verheimlichen von Informationen zu solchen Taten vorsieht

.… in der Tatvorwürfe sexuellen Missbrauchs unter Wahrung der Opferinteressen konkret und nicht pauschaliert benannt und kommuniziert werden

.… in der bis zur gerichtlichen Feststellung der Schuld die Unschuldsvermutung geachtet wird

.… in der wir einen Umgang mit verurteilten und mutmaßlichen Tätern finden, der ihnen hilft, ihre Schuld im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu sühnen und nach dem Verbüßen von Strafen ihr eigenes Leben selbstbestimmt zu gestalten

.… in der wir uns der Unantastbarkeit der Menschenwürde auch der Täter bewusst bleiben.

Die Ergebnisse aus Rom und Lingen sind mir nicht ausreichend meiner Kirche wieder ein stabiles Fundament zu geben. Die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz sehe ich als Verantwortliche für Verheimlichung und Verschleierung von dadurch vor unserer Justiz verjährten Taten. Die Beteiligten des Bistums im Fall meines Onkels versagen auch gegenwärtig bezüglich vieler Ziele, die ich für erstrebenswert halte.

Die Rahmen für die Prävention, für die Unterstützung der Opfer und für den ganzheitlich gesehenen Umgang mit verurteilten und mutmaßlichen Tätern müssen zeitgleich geschaffen werden.

Die Aufklärung und Schaffung von Transparenz darf nicht Sache der katholischen Kirche bleiben. Sie gehört vollständig in die Hände professioneller, weltlicher und von der Kirche ganz und gar unabhängiger Experten.

Die Bücher gehören geöffnet.