Es muss an die Luft

Ich bin Angehöriger eines katholischen Priesters, dem sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wird. Als umfassend Vorsorgebevollmächtigter unterstütze ich meinen bald 86-jährigen Onkel seit seinem Einzug in ein Altersheim so gut ich kann. Im Dezember 2018 war ich gezwungen eine neue Sicht auf einen Menschen zu nehmen, den ich ehrte. Dem ich für vieles Gute dankbar bin und bleiben möchte. Das löste zunächst einen tiefen inneren Zwiespalt aus.

In einer weiteren Phase erfahre und erlebe ich nun den vergangenen und den gegenwärtigen Umgang der katholischen Kirche mit ihren Tätern am Beispiel meines Onkels.

Ich suche Kontakt zu Menschen, die als Gemeindemitglieder oder Angehörige in einer ähnlichen Situation des Zwiespalts sind oder waren und die eine grundlegende Erneuerung ihrer Kirche anstreben.

Was möchte ich erreichen?

Ich möchte in einer Welt leben …

… in der keine weltliche oder kirchliche Organisation ihren Mitgliedern eine rollenbezogene sexuelle Moral aufzwingt oder Sexualität jenseits von Natürlichkeit und Freiwilligkeit erfahren wird

.… die es Opfern von sexuellem Missbrauch erleichtert, das ihnen Widerfahrene zur Anklage zu bringen.

… die dem durch die Taten und lebenslange Last ausgelösten individuellen Hilfebedarf der Opfer von sexuellem Missbrauch gerecht wird

.… in der die Schuld des sexuellen Missbrauchs und die Schuld an der Verheimlichung von Informationen zu solchen Taten nicht verjährt

.… in der die Schuld des sexuellen Missbrauchs und die Schuld der Verheimlichung solcher Taten durch weltliche Gerichte und nicht durch Kirchen oder deren Beauftragte festgestellt wird

.… die angemessene Strafen und Sühneleistungen für das Vergehen an Kindern und das Verheimlichen von Informationen zu solchen Taten vorsieht

.… in der Tatvorwürfe sexuellen Missbrauchs unter Wahrung der Opferinteressen konkret und nicht pauschaliert benannt und kommuniziert werden

.… in der bis zur gerichtlichen Feststellung der Schuld die Unschuldsvermutung geachtet wird

.… in der wir einen Umgang mit verurteilten und mutmaßlichen Tätern finden, der ihnen hilft, ihre Schuld im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu sühnen und nach dem Verbüßen von Strafen ihr eigenes Leben selbstbestimmt zu gestalten

.… in der wir uns der Unantastbarkeit der Menschenwürde auch der Täter bewusst bleiben.

Die Ergebnisse aus Rom und Lingen sind mir nicht ausreichend meiner Kirche wieder ein stabiles Fundament zu geben. Die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz sehe ich als Verantwortliche für Verheimlichung und Verschleierung von dadurch vor unserer Justiz verjährten Taten. Die Beteiligten des Bistums im Fall meines Onkels versagen auch gegenwärtig bezüglich vieler Ziele, die ich für erstrebenswert halte.

Die Rahmen für die Prävention, für die Unterstützung der Opfer und für den ganzheitlich gesehenen Umgang mit verurteilten und mutmaßlichen Tätern müssen zeitgleich geschaffen werden.

Die Aufklärung und Schaffung von Transparenz darf nicht Sache der katholischen Kirche bleiben. Sie gehört vollständig in die Hände professioneller, weltlicher und von der Kirche ganz und gar unabhängiger Experten.

Die Bücher gehören geöffnet.

2 Antworten auf „Es muss an die Luft“

  1. Ihr Onkel ist eine alte Dreck Sau. Er hat das Leben zahlreicher Menschen zerstört. Der gehört eingesperrt und nichts anderes. Ich finde es deprimierend daß Sie dem pädophilem Mann hier eine Plattform bieten.
    Unschuldsvermutung bis zum Ende.
    Ein guter Freund von mir hat sich wegen Ihrem Onkel das Leben genommen.
    Ich scheiße auf Ihren Onkel

    1. Lieber Leser,

      danke für Ihren Kommentar. Zunächst bitte ich um Entschuldigung, dass ich seit April nicht mehr an diesem Blog arbeiten konnte.

      Es tut mir leid, dass Sie meinen Beitrag als Plattform für meinen Onkel empfinden. Das soll sie nicht sein und ist sie nicht. Ich verabscheue seine Taten. Ich möchte aber nicht „einfach so“ weiter machen mit dem Leben. Dieses Thema muss präsent bleiben und es muss das was wir Kirche nennen verändern. Die Machtposition der Kleriker muss ein für alle Mal beendet werden.

      Ich habe von einem Opfer meines Onkels berichtet bekommen, dass sich ein anderer Mann, der ebenfalls unter ihm gelitten hat, das Leben genommen hat. Es hat mir die möglichen Auswirkungen seiner Taten sehr schmerzhaft vor Augen geführt. Ich verstehe ihre Wut – bleiben Sie wütend! Wir brauchen die in ihr liegende Kraft und sollten sie für die Veränderung der kirchlichen Strukturen einsetzen.

      Andreas Hestermeyer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert