katholisch.de – mit Referenz auf die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) – veröffentlichte am 30. November 2022 eine Information zu Aussagen von Dr. Franz-Josef Bode: „Bei der Begegnung vor zwei Wochen, so die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) am Mittwoch, habe Bode im Zusammenhang mit dem Thema sexuellen Missbrauchs von „nur zehn Fällen“ in seiner 27-jährigen Amtszeit gesprochen.“ Der Beitrag der NOZ wurde auf Twitter veröffentlicht.
Aufgrund der offenbar unabhängigen und übereinstimmenden Aussagen mehrerer Jugendlicher nehme ich an, dass Dr. Bode diese Aussage wirklich so getätigt hat – und das hat mich sehr wütend gemacht. Ich nahm das zum Anlass zu folgendem Kommentar zur Nachricht auf Twitter
Wer hätte denn gedacht, daß Bode etwas gelernt hat. Er war 2018 nicht wirklich im Bilde, er war neulich auf de PK nicht im Bilde und seine nachlässige Aussage zeigt, wie wenig wichtig ihm das Thema WIRKLICH ist.
— Andreas Hestermeyer (@A_Hestermeyer) November 30, 2022
die zur Reaktion von @mortimer führte:
Es wundert mich doch schon, dass Sie als Neffe und Bevollmächtigter eines priesterlichen Missbrauchstäters meinen, sich so über den Bischof erheben zu müssen, Herr Hestermeyer!
— Mortimer (@Mortime54837967) November 30, 2022
Im weitereren Verlauf schreibt @mortimer auf meine Antwort (ich fasse seinen Thread als Text zusammen:
„Zunächst hat Bischof Bode Gerüchte zugespielt bekommen und ist im Dorf auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Ihr Onkel ist dann in den Ruhestand versetzt worden. Das war aus damaliger Sicht schon mehr als man erwarten konnte.
Quelle: Twitter
Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich denke auch, dass Bistum und Bischof/Bistumsleitung auf halbem Wege stehengeblieben sind, was die Sorge um die Betroffenen angeht. Ein Rücktrittsangebot des Bischofs habe ich nach der ersten Veröffentlichung schon erwartet, zumal er durch seine schwere Erkrankung 2018 schon eingeschränkt ist und sein langes Pontifikat ebenfalls Spuren hinterlassen hat.
Das Dorf gehört damit auch zu den sog. „Bystandern“.
Und die Familie? Hat sie die pädophilen „Neigungen“ sehen oder ahnen können? Oder nicht wahrnehmen können oder wollen? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?
Der, der versagt hat und sich schuldig gemacht hat ist in erster Linie ihr Onkel, der ja zwischenzeitlich auch endlich aus dem Priesterstand entlassen wurde.“
Der Text des anonymen @mortimer ist bemerkenswert im Sinne des Wortes. Und ich möchte genau das tun – Bemerkungen dazu anbringen.
…ist im Dorf auf eine Mauer des Schweigens gestoßen.
Dr. Bode hat sich in den 90er Jahren nach meinem Eindruck nie ernsthaft persönlich mit Informationen zum sexuellem Missbrauch auseinandergesetzt. Weder im Zwischenbericht der Osnabrücker Studie noch sonst wo ist das bisher für mich erkennbar. Im Gegenteil: mehrere Menschen aus Merzen haben mir bestätigt, dass nach Amtsantritt von Dr. Bode Beschwerden im Bistum vorgetragen wurden, denen das Bistum nicht nachgegangen ist. Ich konnte bisher an keiner Stelle den Eindruck gewinnen, dass Dr. Bode sich a) selbst gekümmert hat oder b) (selbst) auf eine Mauer des Schweigens gestoßen wäre.
Im Gegenteil hat Dr. Bode sich in mehreren Situationen im Detail uninformiert gezeigt und 2018 erst auf erheblichen Druck und erst nach Vorlage von ihm unterzeichneter Dokumente auch persönliche Verantwortung zugegeben.
Sollte man nicht erwarten dürfen, dass Dr. Bode dieses Thema wirklich ganz oben auf seine persönliche Agenda setzt und sich durch Faktenstudium in der Lage wäre, nicht nur über sondern auch von den Taten, Zahlen und Fakten zu sprechen?
…ist dann in den Ruhestand versetzt worden
Am 13.3.1997 einigten sich der Generalvikar und der Personalreferent des Bistums mit meinem Onkel darauf, dass er unter Beifügung eines ärztlichen Attests um seine Versetzung in den Ruhestand bitten würde. Am 18.3.1997 stimmt Dr. Bode zu, dass mein Onkel seinen Wohnsitz in seiner Heimatgemeinde nimmt. Das Rücktrittsgesuch ist vom 19.3.1997 datiert und wird durch die Diagnose eines in Fürstenau ansässigen Arztes begründet. Dr. Bode hat meinen Onkel am 25.3.1997 in den Ruhestand versetzt. Er schließt das persönlich unterzeichnete Schreiben mit „Wenngleich Sie noch rechtzeitig zu ihrer Verabschiedung ein offizielles Dankschreiben von mir erhalten, so möchte ich Ihnen doch schon heute für Ihren treuen und pastoralen Dienst danken.“.
Dr. Bode schreibt dann in seinem angekündigten Dankschreiben „Der priesterliche Dienst ist Ihnen immer ein großes Anliegen geblieben. Sie haben im seelsorglichen Wirken alle Generationen im Blick gehabt.“ und schließt später „Mit meinem Dank verbinde ich die guten Wünsche, dass Sie bei gefestigter Gesundheit als Ruheständler in der Seelsorge in der Heimatgemeinde mithelfen können“.
Im weiteren Verlauf – auch der Zwischenbericht zur Osnabrücker Studie erwähnt das – wird mein Onkel mehrfach von Dr. Bode persönlich zum stellvertretenden Pfarrer und Subsidiar in seiner Heimatgemeinde ernannt.
De Facto handelte es sich hier nach meinem Verständnis nicht um eine Versetzung in den Ruhestand sondern schlicht um eine Versetzung in eine andere seelsorgerische Aufgabe – wie immer. Die Art und Weise der Verabschiedung und die fehlende Erwähnung der angeblich vereinbarten und sonst nirgendwo dokumentierten seelsorgerischen Begrenzung meines Onkels auf Altenheime zeigen in meinen Augen deutlich auf, wie wenig ernst und schwerwiegend man die Vorwürfe genommen hat.
Mein Eindruck bleibt, dass es vordergründig immer und ausschließlich um den Schutz der Kirche ging. Nie um die bereits vorhandenen geschädigten Menschen und vor allem nie um die Prävention vor weiteren Taten – durch Einwirkung auf den Täter und durch wirksame Gestaltung des Umfelds.
… war aus damaliger Sicht schon mehr als man erwarten konnte
Die Entschuldigung mit dem Zeitgeist ist ein Floskel, die es leichter macht, sich selbst zu entschuldigen. Auch Dr. Bode hat sie mehrfach verwendet.
Um Himmels willen!
Ich empfinde es als ungeheuerlich, wenn sich jemand bezüglich eigener Verantwortung oder zum Schutz anderer, deren Handeln er nicht verurteilen möchte, auf den Zeitgeist bezieht. Die Vertuschung von Verbrechen bleibt eine Vertuschung wenngleich scheinbar nicht strafbar. Dr. Bode hat schlichtweg Glück gehabt, dass es bisher keine Anschuldigungen aus der Heimatgemeinde meines Onkels gibt. Unverantwortlich war die Versetzung dorthin in jedem Fall.
Das Dorf gehört auch somit auch zu den sog. „Bystandern“
Ich vermute, dass der Autor die Bedeutung des Begriffs „Bystander“ (unterlassene Hilfeleistung) nicht richtig kennt. Diese pauschalierende Bemerkung ist ein weiteres Missverständnis. Tatsächlich geht es um Macht und Machtausübung.
Von mehreren Gesprächspartnern weiß ich, dass sich verantwortliche fühlende Menschen in Merzen, die Erlebtes und Gehörtes zur Sprache brachten, sich schließlich machtlos und vor der empfundenen Macht ihres Pfarrers (meines Onkels) und der Kirche hilflos fühlten.
Wenngleich ich selbst inzwischen keine Macht irgendeines Kirchenvertreters mehr spüre, bin ich jedoch seit 2018 sehr sensibel für die Anwendung der Macht durch die Kirche, durch das Bistum Osnabrück, Dr. Bode und dem Bischof von Hildesheim – meinem Bischof -geworden.
Von der Verdrängung meines Onkels aus seinem bistumsgetragenen Altenheim, der Ignoranz von Bischof Wilmer zu meiner persönlichen Not im Umgang mit der Situation über das verschlossene Verhalten der Glaubenskongregation bei der Entlassung meines Onkels aus dem Priesteramt bis hin zu jedem erhöhten Altar: die Kirche spricht – ganz besonders, wenn sie sich bedrängt fühlt – die Sprache der Macht. Nicht die Sprache des Nachdenkens, nicht die Sprache der Veränderung und nicht die Sprache der Bitte um Verzeihung.
Am Prozess des synodalen Wegs lässt sich das ebenfalls sehr gut erleben. Dieser Weg bleibt damit leider nur eine zeitliche Verschiebung des Kollaps der katholischen Kirche mit der Hoffnung auf Behebung durch Vergessen. Sie wird wohl leider nicht zu einer tatsächlichen Reformation führen.
Und die Familie?
Und die Familie. Zum zweiten Mal in sehr kurzer Zeit begegnet mir das Thema. Ein alter Freund aus meinem Heimatdorf – ebenjenes auch meines Onkels – erzählte mir neulich, dass er nach der Veröffentlichung durch das Bistum „mit Deiner Mama an Wort gesprochen habe und von ihr wissen wollte, ob sie nicht doch etwas gewusst hat“. Meine Mutter ist inzwischen verstorben. Und mein Freund berichtete gleichzeitig, wie er es 2018 gar nicht glauben konnte, was über meinen Onkel veröffentlicht wurde.
Ich verstehe die Verzweiflung von Menschen, wenn sie erkennen, dass sie selbst nichts gesehen haben. Und es liegt vielleicht nahe, die Verantwortung auf andere zu projizieren. Damit man aufhören kann, sich selbst zu fragen. Also die Familie! Die müssen doch etwas gewusst haben!
Als so nah neben einem Täter stehend kann ich für mich sagen: es hört nicht auf. Sie, die Frage, wird mich und wohl auch meine Familie, meine Kinder, Cousins und Cousinen weiter begleiten – die Frage, ob wir hätten etwas sehen und erkennen können. Aber die verdeckte Unterstellung, dass wir doch etwas hätten merken müssen – die tut weh und der Schmerz klingt lange nach.
Der Aspekt der Familie hat eine weitere Nuance. Dr. Bode ließ vor einiger Zeit in einem Artikel verlautbaren, dass „die Familie“ nun zerrissen sei – das habe ich als ungeheuerlich dreist empfunden. Ich wüsste nicht, das Dr. Bode mit anderen Familienmitgliedern gesprochen hat. Jeder geht auf seine Weise mit der Situation um – aber sie steht nicht im Mittelpunkt unseres Lebens und zerreißt uns schon gar nicht.
.. die pädophilen „Neigungen“
Anfang 2019 hat mir ein Osnabrücker Psychotherapeut nach einem in meinem Beisein geführten Gespräch mit meinem Onkel bestätigt, dass mein Onkel aus seiner Sicht pädophile Neigungen gehabt habe. Er könne ihn solange nicht therapieren, wie er sich selbst nicht als krank empfände.
Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mit dem Verständnis der Pädophilie einmal derart intensiv befassen würde und ich habe es mir nicht ausgesucht. Die sexuelle Ausrichtung meines Onkels – ich nutze die 2005 von der Berliner Charité vorgeschlagene Begrifflichkeit – hat er sich nicht ausgesucht aber mit der die Ausübung seiner Taten, hat er dieser Ausrichtung strafbar nachgegeben.
Diese Differenzierung ist deswegen wichtig, weil sie uns als Gesellschaft, als Eltern und als Führungskräfte von Organisationen, in denen Kinder betreut werden, eine Verantwortung der Überprüfung und Kontrolle auferlegt. Und uns aus meiner Sicht eine direkte und unmittelbare Mitschuld gibt, wenn diese wir diese Verantwortung nicht wahrnehmen und es Menschen mit entsprechender sexueller Ausrichtung fahrlässig leicht machen, diese auszuüben.
Man kann und darf damit keine einzige Tat eines Täters entschuldigen. Jeder von uns weiß aber, wie mächtig unsere Neigungen sein können.
Pädophilie scheint, so verstehe ich neben dem Eintrag auf Wikipedia auch andere Veröffentlichungen – diagnostizierbar. Vielleicht sollten Menschen, die beruflich oder in ihrer Freizeit Kinder betreuen, sich vorher freiwillig einer entsprechenden Diagnose unterziehen oder diese sogar verpflichtend sein? Eine wirklich schwierige Frage. Aber die Antwort ist nicht den Menschen mit dieser sexuellen Ausrichtung in die Schuhe zu schieben.
Schuldig als Neffe und Betroffener?
Wie sollte ich mich nicht über das Verhalten des von Dr. Bode erheben? Die Wortwahl des Autors @mortimer suggeriert „etwas besseres sein zu wollen.“ Ich bin nicht ohne Fehler und nicht ohne Fehlverhalten. Ich bin als Mensch vermutlich eher nicht besser. Aber ich verspüre eine Verantwortung den Kopf und die Stimme über die schweigende Masse zu heben und mich zum Verhalten von Dr. Bode zu äußern. Wenn @mortimer das mit „erheben“ gemeint hat, ja, dann erhebe ich mich über das Verhalten Dr. Bodes.
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